von Dr. Roxanne Dossak

Früher standen Mediziner dem Kaffee eher kritisch gegenüber: Der beliebte Wachmacher, ohne den viele Menschen ihr Mittagstief nicht überstehen, ohne mit dem Kopf auf den Schreibtisch zu sinken, entziehe dem Körper Wasser und erhöhe das Herz-Kreislauf-Risiko, hieß es. Patienten mit zu hohem Blutdruck sollten lieber gar keinen Kaffee trinken.

Neue Forschungen geben Entwarnung

Inzwischen konnten zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen Entwarnung geben: Sie kommen zu dem Ergebnis, dass Kaffee der Gesundheit sogar förderlich ist.

So konnte bisher in keiner Studie nachgewiesen werden, dass Kaffee das Risiko für Bluthochdruck, Herzinfarkt oder sonstige Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht. Zwar wirkt Koffein anregend; doch den Blutdruck lässt Kaffee nur bei Menschen in die Höhe schnellen, die nicht an dieses Getränk gewöhnt sind. Wer regelmäßig Kaffee trinkt, bei dem ist kaum eine Wirkung auf den Blutdruck zu befürchten.

Kaffee schützt vor Diabetes

Auf das Diabetesrisiko wirkt sich der „Türkentrank“ sogar positiv aus. Das zeigt die EPIC-Deutschland-Studie des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung, an der mehr als 42 600 erwachsene Frauen und Männer aus Potsdam und Heidelberg teilnahmen: Wer mehr als vier Tassen koffeinhaltigen Kaffee pro Tag trinkt, hat im Vergleich zu Menschen, die im Durchschnitt täglich weniger als eine Tasse Kaffee konsumieren, ein um fast 25 % verringertes Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Anscheinend ist diese positive Wirkung nicht auf das Koffein zurückzuführen: Die Daten deuten darauf hin, dass man mit entkoffeiniertem Kaffee ein ähnlich positives Ergebnis bewirken kann.

Eine andere, in Indien durchgeführte Studie zeigt, dass Kaffee selbst bei bereits bestehendem Typ-2-Diabetes die Insulinresistenz verbessert. Freilich sollten übergewichtige Menschen und Diabetiker das Getränk nicht mit Zucker süßen!

Kein Flüssigkeitsentzug durch Kaffee

Dass Kaffee dem Körper Wasser entzieht, stimmt ebenfalls nicht. Neuere Studien beweisen, dass Kaffee bei mäßigem Konsum kein Flüssigkeitsräuber ist: Erst ab einer Menge von 300 Milligramm pro Tag (was in etwa vier Tassen entspricht) ist mit einer vermehrten Urinproduktion zu rechnen. Den Rat, zu jeder Tasse Kaffee ein Glas Wasser zu trinken (das in manchen Cafés netterweise gleich mit auf den Tisch gestellt wird), brauchen Sie also nicht unbedingt zu beherzigen.

Keine erhöhte Krebsgefahr durch Kaffee

Auch im Hinblick auf ein etwaiges Krebsrisiko durch Kaffee gibt es Entwarnung. Noch vor 25 Jahren hatten Wissenschaftler der zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehörigen Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC) Kaffee als möglicherweise krebserregend eingestuft. Nun – nach Auswertung von über 1000 Studien – kommt die IARC zu dem Schluss, dass Kaffee hinsichtlich seines Krebsrisikos in Kategorie 3 einzustufen ist – sprich: Es gibt keine ausreichenden Hinweise für eine Krebsgefahr. Auch der Matetee – ein beliebter koffeinhaltiger Wachmacher in südamerikanischen Ländern – wurde von „wahrscheinlich“ krebserregend (Kategorie 2A) in Kategorie 3 herabgestuft.

Frühere Untersuchungen hatten darauf hingedeutet, dass Kaffee möglicherweise das Risiko für Blasenkrebs erhöht. Nach jetziger Datenlage scheint es aber eher so zu sein, dass die Autoren dieser Studien einem Pseudo-Zusammenhang auf den Leim gegangen sind: Viele Kaffeetrinker rauchen gleichzeitig auch; und Tabakkonsum ist nachweislich ein Risikofaktor für bösartige Blasentumoren. Kaffee selbst scheint neuesten Erkenntnissen zufolge die Gefahr für bestimmte Tumorerkrankungen (beispielsweise Brust-, Magen, Leber, Darm-, Prostata- und Gebärmutterkrebs) sogar zu verringern.

Bei zu heißen Getränken ist Vorsicht geboten

Allerdings sollte man seinen Kaffee nicht zu heiß trinken: Sehr heiße Getränke (ab einer Temperatur von 65 Grad) sind nach Einstufung der IARC „wahrscheinlich krebserregend“ – ein sicherlich berechtigter Warnhinweis, da gerade anregende Getränke wie Tee, Kaffee oder Matetee heiß natürlich am besten schmecken. „Die Ergebnisse unserer Untersuchungen deuten darauf hin, dass der Konsum sehr heißer Getränke eine wahrscheinliche Ursache für die Entstehung von Speiseröhrenkrebs ist. Das Krebsrisiko scheint also eher in der Temperatur als in den Getränken selbst zu liegen“, erklärt IARC-Direktor Dr. Christopher Wild. „Rauchen und Alkoholkonsum sind die Hauptursachen von Speiseröhrenkrebs, vor allem in Ländern mit hohem  Einkommen. Doch am häufigsten kommt Speiseröhrenkrebs in Teilen Asiens, Südamerika und Ostafrika vor, wo es üblich ist, regelmäßig sehr heiße Getränke zu konsumieren, und wo man sich die Gründe für das gehäufte Auftreten dieser Krebsart nicht so recht erklären kann.“

Die einzig wirksame Soforthilfe bei Schläfrigkeit am Steuer

Kaffee kann sogar Menschenleben retten: nämlich dann, wenn einen am Steuer plötzlich eine lähmende Müdigkeit überfällt. Befragungen zeigen, dass die meisten Menschen in so einer Situation zu falschen vermeintlichen Muntermachern greifen: Sie reißen das Fenster auf, drehen das Autoradio lauter oder fahren auf einen Parkplatz, um dort ein bisschen frische Luft zu schnappen oder gymnastische Übungen zu machen.

Dabei hilft in so einem Fall nur eines: eine Tasse Kaffee und eine Mütze Schlaf. Fahren Sie am besten schon bei den ersten Anzeichen von Schläfrigkeit auf einen Parkplatz und halten Sie ein 20- bis 30-minütiges Nickerchen im Auto. (Aber stellen Sie sich einen Wecker oder lassen Sie sich von Ihrem Beifahrer spätestens nach einer halben Stunde wieder aufwecken – denn wenn Sie zu lange schlafen, geraten Sie womöglich in eine Tiefschlafphase und fühlen sich dann beim Aufwachen erst recht benommen und schläfrig.) Anschließend gönnen Sie sich eine Tasse Kaffee – dann sind Sie wieder fit zum Weiterfahren. Wahlweise können Sie Ihren Kaffee auch schon vor dem Powernap trinken, da die Wirkung des Koffeins sich erst nach 20 bis 30 Minuten einstellt, sodass Sie vorher noch genügend Zeit für ein Schläfchen haben. Und denken Sie bitte an Ihre Speiseröhre und trinken Sie den Kaffee nicht zu heiß!

Quelle: Das Schlafmagazin-Ausgabe 3/2016